Ein Song für M.
Geht auch wieder aufwärts! ![]()
@ 2009-10-17 – 17:40:50

Wenn dieser Tag
eine der Wegmarkierungen
deines Lebens ist
ein Zeichen dafür
dass du weitergegangen bist
soll er eine rote süße Kirsche
in deinem Mund sein
die dich vergessen lässt
dass deine Essenz salzig ist
spielende Mücken im Licht
die dir die Schwere des Flusses
vergangener Tränen nehmen
das feine kühle Streicheln
eines erlesenen Stoffes
auf deiner Haut
dein Fühlen tröstend
und der Duft alter englischer Rosen
der dich daran erinnert
dass die Illusion
vollständiger Erinnerung
an andere bessere Zeiten
die Konsistenz
flüchtig auf dich gehauchter Küsse hat
wenn du heute
in dieser besonderen Weise
an dich denkst
@ 2009-09-20 – 23:33:45
Hier sitze ich mit dir in den Farben deiner Unruhe. Ein Anruf kann ein Leben sein. Ein Fortkommen bedeuten, eine Wende. Warten habe ich gelernt und nie gekonnt. Ich bin so unbeholfen, dir in Gelassenheit Nachhilfe zu geben, niemals habe ich mich hilfloser gefühlt. Dein Profil ist mir vertraut, der Geruch deiner Nähe auch und doch bist du mir augenblicklich so fern, wie es ein Mensch einem anderen nur sein kann. Kein Reispapier passte zwischen uns, doch Gedanken sind dicker als jedes Papier.
Sieh nur, die Eichen. Hast du eine Ahnung, wie alt sie sind? Das Haus, in dem du wohnst, wurde vor zwei Jahrhunderten gebaut und die Eichen sind „alter Bestand“. Was sie wohl schon alles gesehen haben, frage ich sie oft.
Jetzt kommt die Sonne heraus. Sie scheint dir mitten in dein Gesicht, das so besorgt ist.
Sie jagt ihre Farben über all das Grün in so vielen Schattierungen, dass man es malen muss, selbst wenn man es nicht kann. Du hast das längst gesehen, deine Augen leuchten auf. Sprich nicht! Ich weiß, was dieses Farbenspiel für dich ist, dieses Jagen von Hell in Tiefdunkelgrün im Licht. Dieses unbeschwerte Geistern in grüngefärbter Unbeschwertheit auf der Wiese spielend. Sei still, unterbrich es nicht, weise mich dieses Mal nicht darauf hin. Es ist ein leises Spiel, nur unterbrochen von den Tönen des Windes in den Bäumen. Sprache würde es nur stören. Du siehst mich an. Und ich weiß. Das ist gut.
Deine Unruhe kann ich dir nicht nehmen. Deine Befangenheit auch nicht. Du bist ein Mensch, der immer auf sich selbst angewiesen war.
Sehnsüchte gebieren sich selbst in der Nichterfüllung über viele Jahre.
Sie sind erst Kleider und irgendwann Lumpen, wenn man sie nicht immer wieder flickt und daran glaubt, was man trägt.
Ich weiß, dass du das weißt und warten wirst, weil du klüger bist.
Und wenn du es nicht bist, musst du jede einzelne deiner Eichen bis in den Gipfel hoch klettern, und ich werde am Fuß stehen und die Minuten mit der Stoppuhr zählen, die du brauchst dazu und wenn du es nicht schaffst – dann werde ich lachen und staunen, dass du dich so hoch traust.
@ 2009-09-09 – 00:25:49

(Georgia O'Keeffe (American, 1887-1986). Red Hills, Lake George, 1927)
Du rufst mich in das Abendrot
tiefglühendsten Purpurs
aller Wolken
zwischen müden Gesichtern
und Alltag,
in Grandioses, Überwältigendes,
etwas, das mich in allen bunten Tönen,
befeuern wird
und wunderst dich nicht
über meine zeitlosen Augen
und meine Unfähigkeit zu sprechen
warum fragst du mich?
Der Tag hat die Stunden,
die Minuten längst verbraucht
in all seinen Leben und Toden
wir sitzen in seinem Echo
still und endgültig
Bleib noch ein wenig
dass ich dich nur
von der Seite sehen kann
es ist ein Abendrot, ein Tag,
der schwerer fiel
Deine atemlose Gewissheit
liegt auf mir
wie das Zentrum eines Sturms,
an dessen Rand ich stehe
und versuche, mich an den Wind
zu lehnen,
weil ich ihm trotzen will
und behalten werden
in allen meinen Farben
@ 2009-09-08 – 19:59:01
Wie soll ich meine Kumulusgedankenschiffe ordnen und sortieren, ohne dass mein Kopf platzt? Ich muss strukturiert an die Sache gehen, sagt mein Verstand, während mein Herz überquillt.
Es gibt diese unerledigten Dinge im Leben, Dinge, die man eigentlich tun möchte, die man sich wünscht. Alte Freunde, die ich anrufen, denen ich schreiben möchte. Also sortiere ich meine Wünsche. Ganz vorn angesiedelt steht mal wieder meine alte Freundin, die Zeit. Mehr als einmal wünschte ich mir, Momo zu sein, mit einer Stundenblume in der Hand, um diese eine Stunde Zeit nutzen zu können, um all die grauen Herren, die mir mit ihren Terminen und Zeitrechnungen Kälte, Einsamkeit und Traurigkeit ins Herz qualmen durch den Rauch ihrer ewigen grauen Zigarren, endlich besiegen zu können. Die Traurigkeit über den Mangel von Zeit, ist schon lange mein Begleiter. Sie ist da, weil es auch einmal eine Zeit für Zeit gab, in der ich Zeit hatte zu schreiben, mit Menschen zu sprechen, die ich mochte, abends Musik zu hören oder einfach den Sternen zu lauschen. Denn die haben immer etwas zu erzählen. Ich hatte Zeit für Muße und das ist ganz besonders. Alle Sinne sind fein gestimmt auf alles und der Druck, den das Alltagsleben sonst auf die Seele ausübt mildert sich, weil alles Zeit hat, sich auszubreiten, zu weiten, wie Holz in der Sonne. Muße ist nicht zu unterschätzen. Ich gehe soweit zu behaupten, dass sie so wichtig ist wie gesunder Schlaf, will man bei Sinnen bleiben.
Mein Verstand ist pragmatisch, wie immer. Er sagt mir, was ich habe und das ist so viel.
Ich habe Menschen, die ich liebe und sie mich und das ist Reichtum. Ja, das ist es.
Finanziell könnte es besser sein, doch in meinem bescheidenen Rahmen kann ich sagen, dass ich es schön habe um mich herum mit all den Dingen, die meine Wohnung bereichern. Wenn man traurig ist, sieht man die Dinge, die längst schon auf den Sperrmüll gehören und das ist ein Problem des Herzens, nicht des Verstandes. Dinge leben gefühlte Zeit, leben sie über Gebühr lange, werden sie zu Ballast. Dann wird es Zeit, dass man sie aussortiert, weggibt, wegwirft, verkauft oder aber verschenkt. Doch trennen muss man sich, sonst wird man zu schwer und geht unter.
Ich sortiere. Zeit. Überflüssiges. Was noch?
Die Traurigkeit. Was mache ich damit? Ich kann sie nicht aussortieren, denn sie ist ein Teil meines Wesens, sie ist uralt, genauso wie das Pendant dazu, meine Fröhlichkeit. Einfach wegwerfen geht nicht und Muße bringt mich auch nicht weiter. Wenn ich nach ihrem Ursprung forsche, bringt mich das weit zurück, bis in meine früheste Kindheit. Ich war wohl schon immer traurig und konnte das nie hinreichend erklären, genauso wenig wie meine Fröhlichkeit. Sie sind siamesische Zwillinge. Ich kann sie nicht trennen, würde beide töten, wenn ich es versuchte, denn sie sind durch Herz und Hirn ineinander verschlungen und verbunden, und ich glaube, ohneeinander könnten sie nicht existieren. Also muss ich es akzeptieren und ein „schwerer“ Mensch sein, wie viele meiner Freunde und Lieben mich betiteln.
Ich bin seit ein paar Wochen schwer. Morgens um sechs klingelt gnadenlos der Wecker und dann eiere ich bräsig in die Küche, um extrastarken Kaffee zu kochen, der mich auf die Beine bringen soll. Anschließend quäle ich mich mit dem Tonnengewicht von Kopf auf meinen Schultern auf den Balkon, um das schwarze Zeug zu trinken und Nikotin zu inhalieren.
Und, ja. Ich weiß. Millionen von Menschen stehen noch Stunden früher auf und denen geht es noch viel schlechter. Sie sind mein Gewissen und wie Ameisenbisse in meinem Kopf, morgens um sechs. Denn mein Verstand, der ist morgens leider nicht so tot, wie mein Herz. Das schlägt morgens um sechs mit kurz vorm Stillstand gedrosselter Geschwindigkeit, während aufgrund der miesen Durchblutung in meinem Kopf meine Synapsen so schwerfällig sind wie ein Tankwagen beim Einparken.
Und es liegt nicht daran, dass ich so spät schlafen gehe. Um 22.00 Uhr bin ich im Bett. Dann bin ich nämlich müde. Das Fiese an der Sache ist, dass ich theoretisch auch um 19.00 Uhr schlafen gehen könnte, ich wäre um sechs Uhr trotzdem müde. Ich habe es ausprobiert. Es funktioniert einfach nicht.
Es ist ein sozusagen biorhythmisch bedingtes Zeitproblem. Viele kennen das.
Es wird Herbst.
Das ist für mich immer eine seltsame Zeit, mit der ich nicht gut zurechtkomme, weil es mich der eigenen Endlichkeit unmittelbar nahebringt. Nein, ich mag den Herbst nicht. Mit all seinen bunten Farben und Stimmungen, die ich durchaus genießen kann. Doch ich mag diese Jahreszeit nicht. Und den Winter, den mag ich auch nicht. Es ist mir einfach viel zu kalt. Ich friere. Morgens am meisten und abends manchmal, wenn ich an die Termine des nächsten Tages denke, die im Sommer schon so viele waren, die mir dann leichter erschienen. Weil die Sonne schien und ziemlich oft diesen Sommer, das vergisst man manchmal bei all den ungerechten Rückblicken auf den Sommer dieses Jahres, der durchwachsen war, jedoch auch viele schöne Tage hatte.
Ich sehe die Blumen auf dem Balkon, sie borden über. Meine Kaiserwinde hat sich über die volle Balkonlänge gekrabbelt und mindestens 10 himmelblaue, riesengroße Blüten öffnen sich jeden neuen Tag. Der Oleander duftet, er will nicht aufhören zu blühen. Die Petunien sind ein bunter Wasserfall. Dieser Ort ist eine Oase. Jeden Morgen, wenn ich in der nachthellen Frühe dort sitze und mir die Meisen um die Füße und darauf herum tanzen und der Tag noch so neu ist, dass er wie frisch gewaschen riecht, der Mond noch hell im Westen steht, wenn man ihn sieht und die Wolken mich an Kleider meiner Tochter erinnern, pink und rosa im Violettgrau der Morgendämmerung, die messerscharf kühl ist im Kommen des Herbstes. Heute morgen sah ich eine Fledermaus. Zielsicher schoss sie um die Kurve, kreiste einmal um die Föhren vor dem Haus und flog wieder in den Wald. Völlig lautlos. Der Wald duftete heute überlaut.
Er war Musik. Und liegt direkt vor meiner Tür. Ich kann in ihn sehen, gehen, rennen, was ich will. Und wenn ich nichts davon mache, ist er einfach stille Präsenz und Ruhe – ein Stück Zeit, unmittelbar und greifbar vor Augen.
Gestern rief ich jemanden an, der mir viel bedeutet und immer viel bedeuten wird.
So ist das mit den Zeitreisenden. Man begegnet sich und verliert sich für eine Weile.
Das Wann hat keinerlei Existenz. Das habe ich mittlerweile begriffen und brauchte lange für diese Lektion. Sie verlangt Gelassenheit und das ist mir eins der schwersten.
Schön ist es, wenn man fühlt, dass nichts wirklich fort ist.
Dass etwas bleibt. Das ist gut.
Ich höre jetzt auf. Meine Kinder rufen nach Abendbrot und Zuwendung.
Meine Tochter will Momo. Ich auch!
Schreiben, ist, die Gedanken zu sortieren. Und manchmal staunt man, was man geschrieben hat, wenn man ganz bei sich war. Denn manchmal, wenn man schreibt und die Zeit dabei einfach vergisst, als ob es sie gar nicht gäbe, das ist dann so, als hielte man die Stundenblume längst fest in der Hand.
Alles Liebe,
Eure Karfunkelfee
@ 2009-09-05 – 00:47:15
Es ist schon ein paar lange Monate Sommer her, dass ich meinen Kindern versprach, eine Pyjama-Party mit ihnen zu feiern im neuen Schlafzimmer im neuen alten großen Bett, das ich damals kaufte mit meinem zukünftigen Mann, als er das noch nicht war, das dann, als wir in unser Haus zogen überflüssig wurde und zu meinem Bruder in seine neue Wohnung wanderte, das letztes Jahr zu mir zurückkam, nachdem mein Bruder seinen Traum vom Haus zu leben begann und damit den Kreis wieder schloss.
Die Matratze war damals schon schlecht, nun ist sie noch schlechter und mein Rücken schmerzt noch an ganz anderen Stellen, als damals, seit ich wieder darauf schlafen muss. Doch bin ich 15 Jahre älter, die Matratze auch und versuche sie und meinen Rücken mit dementsprechender Nachsicht zu betrachten. Zu viel Liebe, zu viel Schweiß hat sie trinken müssen, um meinem Rücken noch mit der gebührenden Härte begegnen zu können.
Heute wurde diese Matratze auf ihre wirkliche Bruchbelastung erprobt, denn heute hatten wir sturmfreie Bude, die Kinder und ich, und ich muss sagen, wenn Matratzen eine Seele haben sollten, wie ich es ja allgemeinhin von allen Dingen des Lebens annehme, dann ist sie eine Mutter Courage aller Matratzen.
Leise und nachdrücklich hat sich in den letzten Tagen der Herbst in uns geschlichen, mit vereinzelten gelb gefärbten Bäumen und Nebelsuppe am Morgen. Kalter Tau nässte die Polster der Rattansessel meiner kleinen Balkonoase und die Terror-Meisen hüpften mir auf den Beinen herum und meckerten mich an, wenn sie ihre Kürbiskernration auf dem kleinen Tisch nicht fae nden. Die Luft schmeckt nun erdig und nach Vergehen, die Morgen schneiden feine klare Risse in braune sommerdurchwärmte Haut.
Heute Abend bin ich allein mit den Kindern. Zeit, Dinge nachzuholen, die versprochen waren.
Also stelle ich lauter bunte Kerzenlichter in mein neues Schlafzimmer, das seit Monaten nicht mehr neu ist, decke das Bett mit gemütlichen Decken und Kissen zu, stelle Knabberkram hin, mein Sohn macht den DJ und kümmert sich um Ton und Klang und das macht er gut.
Als meine Tochter und ich, beide in blumigen Pyjamas um die Ecke kommen, klingen uns die Mamas und Papas entgegen mit California Dreaming, und ich denke, dass die Dinge sich fügen wie sie sollen und mein Sohn die Stimmung genau abgepasst hat mit seinen fast 11 Jahren, denen er manchmal voraus ist, so wie heute.
Was habe ich mir für Gedanken gemacht über diese Pyjama-Party. Sie sollte genauso sein, wie die, die ich vor ganz vielen Jahren ein einziges Mal erlebte und immer dann, wenn man etwas ganz genau vor Augen hat wie es war und es genauso machen möchte, wird es anders. Vielleicht, um einem vor Augen zu führen, dass Erinnerungen vergangen sind und das auch bleiben sollen, um Veränderungen Platz zu lassen. Alles lief ordentlich stockend an, wie es sich für eine echte Party gehört. Die Musik lief nicht wie sie sollte, meine Tochter nölte herum, mein Sohn lag im Kampf mit Technik und Sound.
Die Kerzen flackerten unmotiviert herum, bis ich meiner zickenden Tochter mit voller Wucht mein Lieblingskissen an den Kopf warf. Sie erwachten wunderbunt zum Leben, so wie meine Tochter auch, die dermaßen überrascht von der Attacke war, dass sie umfiel und nicht wusste, ob sie nun lachen oder heulen sollte. Fassungslos starrte sie mich an, als hätte ich Antennen auf dem Kopf. Dann warf sie mir das Ding mit voller Wucht an den Hals, was meinen Pyjama aus der Form brachte, worauf mir ein Busen aus dem Ausschnitt abhanden ging. Das wiederum brachte alle dermaßen zum Lachen, dass die Situation außer Kontrolle geriet.
Wir feuerten mit Kissen aus sämtlichen Lagen und Positionen, bis irgendeiner anfing zu kitzeln. Draußen tobten Sturm und Regen gegen die Fenster und es war schön, ein Menschenknäuel zu sein und nicht zu wissen, wo die eigenen Arme und Beine anfingen und die nächsten endeten.
Luftlos hielten wir irgendwann inne, als hätte etwas im Raum die Luft angehalten und zwänge uns dazu, nicht zu atmen.
Vielleicht lag es an dem Song, der gerade lief. Von Bowie. Heroes. Irgendwann holt es dich ein. Wir schwammen wie Delphine für einen Augenblick.
Die Stille kam abrupt. Wir waren ausgekämpft aneinander und gefangen ineinander.
Mein Sohn strampelte ein Kissen von den Füßen und fing an, eine Geschichte zu erzählen.
Von einer Hexe, die Belderub hieß und Kinder frisst. Es war unheimlich. Wir zogen die Decke hoch und drückten uns aneinander. Meine Tochter erzählte von einem Monster, das sie in ihren Träumen sah. Ich erzählte meine Psycho-Geschichte, die von dem unheimlichen Haus in Belgien und der uralten Frau, die darin lebte. Und ich war mit einem Schlag 10 Jahre alt, die Zeit fiel von mir ab wie eine dicke Schicht Schlick, die sich um Knochen und Körper gebildet hatte, als hätte es sie nie gegeben.
Dann war mit einem Mal,diese seltsame Stimmung, dieses komplette Übereinstimmen, dieses Wurmloch, das die Vergangenheiten und die Zukunften vieldimensional vereinte, vorbei.
Die Kinder warteten müde auf einen Kuss vor dem Schlaf.
Zeit, die sie brauchen, um ihre Träume gern haben zu lernen.
@ 2009-08-20 – 00:35:33
Das weiße Sommerkleid ist wie ein Kaleidoskop vergangener Genüsse, die sie stolz vor sich herträgt. Schokoladenflecken, dazwischen Sprenkel von Tomatensoße, Blau vom Himmelblau der Farbe auf ihren Augen, schillernd zarter Perlmutt und Erdbeerrot. Als ich sie heute Nachmittag abhole, rennt sie mir entgegen. Mit dem dicken Ranzen auf dem Rücken kommt sie angelaufen, das ehemals weiße Kleid umfleckt sie kunterbunt mit der Sicherheit genossener schöner Dinge und ihre glatten blonden Haare haben sich längst aus der Umklammerung der Haarspange gelöst. Lachend rennt sie mir in die Arme am ersten Schultag, als hätte es mich niemals gegeben in ihrem Leben und es würde allerhöchste Zeit, etwas Schönes zu tun. Wann war ich das letzte Mal mit ihr hier? An diesem Ort, der mir so wichtig ist? Es ist schon länger her. Im Frühjahr war es, als alles noch neugeboren entstand, das Wasser des Baches zu kalt war und wir den Zirkus besuchten mit seinen Tieren und sie, wie immer, nicht genug davon bekam, von Lamas vollgespuckt, von Kamelen getreten und von Eseln ausgebuht zu werden. Heute sind wir hier und es ist Sommer, wie er sein soll. Knallbunt, blauer Himmel und so heiß, dass der Asphalt schmelzen würde und Abdrücke nackter eiliger Füße hinterlassend, wäre er noch der teerig riechende Asphalt von früher. Wir machen alles konsequent ganz falsch. Wir füttern die Enten mit den Resten unserer Eis-Hörnchen und lassen sie herankommen, so nah, dass sie sich wünscht, sie streicheln zu können, doch das wollen sie nicht. Ihr Kaleidoskop-Kleid schreckt sie nicht, sie ist einfach zu bewegt für sie. Hinten am Bach hält sie nichts mehr. Der Ranzen fliegt nach links, das Kleid nach rechts, dann steht sie schon mit Höschen und nichts, schaufelt Senne-Sand mit den Füßen beiseite und ich weiß, sie denkt: es könnte Meer sein. Ich habe Schuhe, Füße und sämtliche Zurückhaltung ausgezogen und stakse im Bullerbach, der sehr kalt ist, trotz der Hitze. Es dauert eine winzige Weile, es ist ein Bild. Meine Tochter lacht mich an, sie hält sich den Bauch vor lauter Lachen, hat die Füße längst tief im Sand vergraben und steht fest wie ein Fels in einer Brandung. Ich hingegen benehme mich wie ein Storch im Salat und stakse dementsprechend herum. „Bohr die Füße in den Sand, Mama!“ Als wüsste ich nicht, wie es ist, Füße in den Sand von irgendwo zu bohren. Irgendwo höre ich ihr Lachen, sehe ich ihre hellblonden Haare im Zwischenlicht. Ich bohre tief im weißen Sand mit meinen Füßen, fühle, wie das klare Wasser dieses Baches meine Füße umspült, spüre die Strömung, die an meinen Knöcheln zieht und sehe über mir das, was ich immer schon sah, seit ich selbst Kind war: Die alten Bäume, das schattige Grün und weiß, warum, ich diesen Ort so sehr mag. Sie backt mir einen Kuchen. Aus den Blüten des Baches. Mit Blumen und Sternen. Aus Zuckerguss. Knirschte Sand nicht so in den Zähnen, hätte ich ihn gegessen, ich tu so Und bin so gut, dass sie sich ein Stück in den Mund schiebt. Und spuckt, und schluckt. Doch tapfer sieht sie mich an und sagt: „Auch, wenn du es nicht glaubst. Es ist Kuchen. Mit Sternen und mit Blumen.“ Ich glaube es. Sie weiß es. Sie sieht es an den Sandspuren an meinem Mund.
@ 2009-07-17 – 00:34:30
Meinem Freund Harald gewidmet.
Du hast alles wieder in Bewegung gebracht.
Danke.
Stefanie
Das Lächeln des Chamäleons
Der lange spitze Schatten der Sonnenuhr legt sich auf den warmen Asphalt des Schulhofs und teilt den Platz in zwei saubere Hälften. Vereinzelt zerschneiden helle Kinderstimmen, die vom großen Abenteuerspielplatz hinter der Schule herüberschallen die Stille des warmen Spätsommernachmittages und lassen den Schulhof verlassen und einsam wirken. Eines der Fenster im Erdgeschoss der Immanuel-Kant-Gesamtschule, einem schmucklosen Plattenbau aus den späten Sechzigern, steht weit offen. Ein einzelner Ton, zögerlich angeschlagen auf einem mittelmäßig gestimmten Klavier schreckt eine Amsel auf, die in der Erde nach Würmern sucht. Sie flüchtet in die Zweige der mächtigen Kastanie, die, umrahmt von einem Ring aus Waschbeton, vor dem Klassenzimmer steht. Die nächsten Minuten ist es still, die Kinderstimmen vom Abenteuerspielplatz sind verstummt und der Zeiger der Sonnenuhr auf dem Schulhof ist ein ganzes Stück weiter nach Westen gewandert. Mutig wagt die Amsel noch einen Versuch und flattert wieder hinunter an den Fuß des Baums, um den Wurm, den sie fast hatte, wiederzufinden, da klingt das Klavier wieder an. Diesmal eine ganze Tonfolge. Schimpfend gibt die Amsel auf und fliegt in eine der Föhren, die den Schulbereich abgrenzen und einen kleinen Wald bilden, hinter dem der Abenteuerspielplatz liegt.
Ein paar Noten werden angeschlagen und finden einen schnellen Rhythmus, dann kommt eine Stimme dazu, warm und tief, eine Stimme am Ende eines Mädchens und am Anfang einer Frau:
“Ain't got no home, ain't got no shoes
Ain't got no money, ain't got no class
Ain't got no skirts, ain't got no sweater
Ain't got no perfume, ain't got no beer
Ain't got no man...”
Die Stimme stockt und sagt ein paar wütende Worte in einer fremden Sprache, einer schnelleren, weicheren und höheren Tonlage als die, in der sie singt.
Eine tiefe, männliche Stimme antwortet: „Versuch es noch einmal Samira, Nina Simone ist schwierig, ich habe es dir gesagt und Flüche helfen dir da nicht weiter, aber du kannst es schaffen! Los, ich will es bis zum Schluss, fang dort an, wo du aufhörtest, etwas spielerischer in den höheren Tönen, los komm, du machst das sehr gut!“
Nun spricht sie akzentfreies Deutsch, eine Stimmlage tiefer als ihre Heimatsprache: „Bis zur Aufführung morgen Abend, Herr Steiner? Bis dahin soll ich perfekt sein und Nina Simone leben, denn diese Musik singt man nicht, man muss sie leben. Oh, haram! Das schaffe ich nicht, Herr Musikgeneral Steiner! Suchen Sie sich eine andere Blaskapelle, diese hier spielt unrein!“
Er redet beschwichtigend auf sie ein, seine sanfte leise Stimme wechselt sich ab mit ihrer hohen Stimme, als sängen sie ein Duett in zwei Sprachen und keiner der Sänger hätte eine Ahnung vom Text des anderen.
Das Ganze gipfelt in einer schnellen Disharmonie von Tönen auf dem Klavier, sich jagend und in ihrer Schrägheit schon wieder schön, bis sie spielerisch einen Akkord bilden, dann jedoch abrupt abbrechen.
Erneut klingt ihre Stimme, laut intonierend und trotz der Wut harmonisch:
“Ain’t got no culture, ain’t got no family, fuck you all!”
Es knallt laut, als der Klavierdeckel auf die Tasten schlägt, dann hallen laute, quietschende, Schritte auf den frisch gebohnerten Gängen der Schule. Die Glastür nach draußen schließt sich lautlos und langsam.
Am auffälligsten sind ihre Haare. In wilden Locken fallen sie ihr bis auf die Hüften hinunter. Eine Seite schimmert blauschwarz, die andere rotschwarz. In der Sonne scheinen sie farbzweigeteilt. Ihre Haut ist hellbraun, Latte Macchiato sagt sie selbst dazu, um sich Mut zu machen, ihre Familie ist tot.
Sie weiß nicht viel darüber, sie starben alle bei einem Bombenanschlag in Kairo. Sie selbst hat das irgendwie überlebt und erinnert sich an nichts mehr. Im Rahmen eines medizinischen Hilfsprogramms kam sie nach Deutschland und durfte bleiben, weil ihre von einem Bombensplitter zertrümmerte Hüfte zwanzigmal operiert werden musste, bis sie wieder laufen konnte. Als sie ihre ersten neuen Schritte ging, war sie acht Jahre alt. Darum und weil sie keine Familie mehr hatte, die sich in Kairo um sie kümmern konnte, durfte sie in Deutschland in ein Waisenhaus. Sie durfte bleiben. Jeder, auch die Ärzte, redete ihr ein, das wäre der Hauptgewinn. Doch das war es nicht. Ein Hauptgewinn wäre es gewesen Deutsche zu sein, oder ein männliches Kind zu sein ohne körperliche Einschränkungen mit ordentlich Muskeln unter der Haut. Das war ein Hauptgewinn, der keine Staatsangehörigkeit brauchte, es war egal, ob man russisch, deutsch, irakisch, palästinensisch oder sonst was war, wer stark war, hatte Stimmgewalt und konnte über andere entscheiden. Das galt auch für Mädchen, die stark genug waren. Die Nationalität war egal. Wer nur den Anschein von Schwäche zeigte, starb jeden Tag den kleinen Tod des Sklaven und war der Fußabtreter für den Frust der anderen, angefangen damit, dass man im Mädchenklo eingesperrt wurde, bis das Frühstück vorbei war und endend damit, dass mal wieder jemand in ihr Bett gepisst hatte, wie ein Hund, der einem anderen seine Verachtung durch das Niederste aller Geschäfte zeigte.
Sie setzt sich in die Mitte der Sonnenuhr auf dem Schulhof. Jemand hat mit gelber Graffitti-Farbe ein schiefes Lächeln auf den schwarzen Betonklotz gemalt, der Zeiger aus schwarzem Zement hebt sich scharf ab vom Sand, der im Zwielicht fast weiß scheint, wie Schnee. Der Schattenzeiger ist mittlerweile verblasst, untergegangen mit der Sonne, die mit ihren letzten Strahlen nun auch Samiras blau-schwarze Seite der langen Haare in rötliches Licht taucht. Alles wird eins, denkt sie. Irgendwann wird es alles eins. Aus ihrer braunen Segeltuchtasche klaubt sie ein Päckchen Zigarillos aus dem Discounter und steckt sich eins an. Sofort hört sie im Kopf die Stimme ihres Musiklehrers, Herrn Steiner, der ihr strengstens das Rauchen verboten hat. Sie sieht sich kurz um mit dem Instinkt eines Kindes, das ständig in seinen Handlungen beobachtet wird von anderen, inhaliert drei hastige Züge hintereinander, ignoriert das Schwindelgefühl und tritt den Zigarillo mit ihrem Turnschuh aus. Sorgsam nimmt sie die Kippe auf und steckt sie in ein Marmeladenglas mit Schraubdeckel. Sie lässt sich nicht gern etwas zuschulde kommen und Rauchen ist auf dem Schulgelände streng verboten.
Sie schultert ihre Segeltuchtasche, steht auf und geht los. Beim Gehen spürt sie dumpfen Schmerz in der Hüfte, vom langen Sitzen. Dass sie ihr linkes Bein fast unmerklich nachzieht, spürt sie selbst kaum, doch ein paar Mädchen, versteckt hinter den Föhren, die an den Abenteuerspielplatz angrenzen, bemerken es durchaus.
Als sie in den Waldweg einbiegt, der zum Spielplatz führt, tritt ihr die Stärkste in den Weg.
„Na, Samira? So spät noch unterwegs? Noch ein bisschen mit Steiner gespielt?“
Sie bleibt stehen. Sie wusste, dass das passieren musste, sie haben schon so lange Hass auf sie, weil sie das Stimmtalent in ihrer Klasse ist. „Ain’t got no friends“, schießt es ihr durch den Kopf und sie überlegt, wie sie der Situation begegnen soll.
„Tanja, wir haben doch nur geübt, ich komm morgen doch nicht mal!“
Die Angst fängt immer beim Atmen an. Angst lässt die Luft schwer werden, lässt die Luft gewichtig werden, wie etwas, das auf dem Brustkorb sitzt. Angst hat Substanz.
„Lasst mich bitte nach Hause gehen.“
„Du hast doch nicht einmal ein Zuhause, du blöde muslimische Terroristen-Schlampe!“
Samira überlegt, was sie tun kann. Die Angst hat viele kleine Füße bekommen, die ihr von den Zehenspitzen aufwärts in die Brust krabbeln und sich dort ausbreiten in Form von Wärme, ihre Brust brennt wie Feuer, ihre Arme und Beine kribbeln, ihr Kopf ist ein Haufen Ameisen, wuselnd, ohne Plan, die Königin ist tot, was soll ich machen, sie versucht strategisch zu denken, doch sie muss entsetzt feststellen, dass sie es nicht kann. Ihre Hüfte schmerzt dumpf pochend in einer Art Vorahnung weißglühenden Schmerzes, als wolle sie sie daran erinnern, dass Krieg alles ist, was Menschen interessiert und sie denkt an Nina Simone, die sie singen soll, morgen auf der Aufführung und an alles das, was sie nicht hatte, nie hatte, das, was die haben und hatten, die sie nun triezen und als selbstverständlich ansehen.
Ihr rassistischen Fotzen, denkt sie und schämt sich gleich wieder, weil Michaela, die Heimleiterin ihr sagte, dass dieses Wort der schlimmste Verrat am eigenen Geschlecht wäre.
„Na, haben heute deine Allah-verherrlichenden-Terroristenfreunde wieder ein paar Leute in die Luft gejagt, weil es DER SACHE dient?“, grinst Tanja.
Michaela hat Unrecht, denkt Samira. Ich bin keine von denen und wenn ich das Wort sage, ist es kein Verrat. Denn zu deren Geschlecht gehöre ich nicht.
„Klar!“, ruft sie in die einsetzende Abenddämmerung und nimmt allen Mut zusammen in ihrer Stimme, „und hoffentlich denkt einer meiner muslimischen Terroristen-Freunde endlich mal daran, eine Bombe in eure Schultaschen zu schleusen, um euch Fotzen wäre es nämlich nicht schade, wenn ihr endlich atomisiert würdet!“
Dieses Mal fühlt sich das Wort nicht schlecht in ihrem Mund an, sondern richtig. Sie hat auch nicht an Allah gedacht, das tut sie schon lange nicht mehr. Sie verachtet Menschen, die an ihn glauben. Er ist ein Gespenst in den Geistern derer, die an ihn glauben und ein Machtinstrument in den Händen derer, die ihn benutzen. Er ist kein Instrument der Improvisation, wie das Klavier in der Schule. Dieses Instrument besitzt ein Eigenleben und egal, wie man es spielt, seine Eigenheiten spielen immer mit und die Liebe, die man spielt, wird reflektiert. Allah ist weniger als ein Instrument, der Imam ihrer Kindheit spiegelte seinen eigenen Geist so sehr auf Allah, dass Allah nicht mehr klingen konnte, er war nichts weiter als der Spiegel der Menschen, die ihn besetzten.
An Spiegelungen wollte sie nicht glauben und sie begriff, dass alle Religionen nichts anderes waren als die Reflexionen derer, die daran glaubten und dass auch hier das gleiche Prinzip der Hierarchie griff, wie sie es aus ihrem Heim kannte: Gott liebt immer den Stärksten und sein Name ist Nichts.
Der Tritt trifft sie unvorbereitet in die Seite. Ihr Kopf fliegt nach links, während ihr rechtes Bein das Gewicht nicht ausgleichen kann, es ist ein fieser Tritt in ihre linke, kranke Hüftseite, sie rudert mit den Armen, die Segeltuchtasche heddert sich um ihren Hals und würgt sie, während sie nach ihrem Gleichgewicht sucht, schließlich in den Knien einknickt, den Kopf nach hinten wirft, vom Gewicht der Tasche gezogen, greift sie mit beiden Armen nach ihrem Hals, um Luft zu bekommen, während von vorn zwei Fäuste in ihr Gesicht knallen mit voller Wucht und sie hört ihren Nasenbeinknochen brechen mit einem lauten Krachen in ihrem Kopf, ein Echo in ihren Ohren hinterlassend.
Sie hört Stimmen, wie durch Watte, von fern. „Los Tanja, weg, der blöden Sau hast du es gegeben!“
Dann schnelle Schritte, rennend. Benommen bleibt sie liegen.
Durch den Schleier ihrer Augen sieht sie Spaziergänger auf dem Weg zum Spielplatz.
Ältere Menschen mit Hund, jüngere Menschen mit Hund. Jüngere Menschen mit Kind.
Niemand beachtet sie.
Gott ist längst tot, nur Nietzsche hat es begriffen.
Als sie aufwacht, steht Allahs Halbmond am Himmel. Sie greift an ihr schmerzendes Gesicht, es fühlt sich geschwollen an und wund. Die Seite, in die sie getreten wurde, kann sie kaum bewegen. Vorsichtig fahren ihre Hände unter ihren Pullover, fassen die lange weiße gewundene Narbe an, wo sie sie aufgeschnitten und das neue Gelenk eingesetzt haben, vor langer Zeit, die sich nun als neue alte Zeit anfühlt.
Es scheint nichts aufgerissen zu sein, doch es tut höllisch weh, als sie versucht, sich aufzurichten.
Langsam nehmen die Formen um sie herum Konturen an, sie erkennt den Weg, die schwarzen Föhren im Zwielicht, den Spielplatz. Vorsichtig dreht sie sich um.
Hinter ihr liegt ihre Tasche.
Sie zieht sie zu sich heran und greift in das Innere. Die Noten sind da, ihre Hefte, nichts fehlt.
Mühsam zieht sie sich hoch, scharfer Schmerz schießt durch ihre linke Hüfte. Sie steht auf, wie sie es ihr beigebracht haben damals, als sie neu laufen lernen musste. Wie ein Baby. Erst die Füße, dann den Rücken beugen, dann die Hände und langsam hoch krabbeln. Das geht. Schmerz lehrt Demut vor dem Körper: Ihre erste Deutsch-Lektion.
Vorsichtig richtet sie sich auf. Ein Kauz ruft in der Nähe. Einem Impuls nachgebend, verschränkt sie die Hände ineinander, legt die Zeigefinger ineinander und antwortet auf den Ruf. Kurz darauf ruft der Kauz wieder. Ein gutes Omen, denkt sie, schultert die Tasche und hinkt den Parkweg entlang, der sie ein paar endlose hundert Meter weiter zu ihrem Heim führt.
Michaela, die Heimleiterin, macht keinen Hehl aus der Situation.
„Los, sag an! Was ist passiert?“
Sie nimmt Samira die Tasche ab, legt ihr den Arm um die Schulter und führt sie vorsichtig zu dem durchgesessenen roten Stoffsofa. Samira lässt sich fallen und schreit kurz und spitz auf, als ihre Hüfte mit den durchgesessenen Federn des Sofas kollidiert.
Michaela kniet sich vor Samira und sieht sie, den Kopf schräg gelegt auf ihren Schultern, durchdringend an. Diesem Blick hält keine Lüge stand. Sei sie auch noch so gut.
„Ich wurde verkloppt, das ist passiert.“
„Warum?“
„Ich bin schuld am elften September. Unter anderem.“
„Das ist nicht neu. Sag mir was Neues.“
„Ich bin musikalisch.“
„Das bist du Samira, nun red schon!“
„Terroristengruppe. Codename Tanja.“
„Alles klar, Samira“
Vorsichtig betastet Michaela Samiras Nase.
„Die ist gebrochen, Süße. Wir müssen ins Krankenhaus. Jetzt.“
„Bitte Michaela! Ich muss mir erst die Tritte von dem Miststück von der Haut waschen.“
„Okay, Scheherazade, und schrei, wenn du Hilfe brauchst, und wehe, du tust es nicht“.
Die Dusche ist gut. Sie wärmt alle Stellen, die geprügelt worden sind.
Dieses ganze schöne heiße Wasser ist nur für sie allein.
Anschließend besieht sie sich im Spiegel.
Ihre Augen sind eine sonderbare Mischung aus Grün, Grau und Blau, mit einem schwarzen Ring. Katzenaugen, sagte ihre Mutter, als sie noch sehr klein war. Daran kann sie sich noch dunkel erinnern.
Nun sind es blutunterlaufene Augen, die sie kampfeswütig und müde anstarren.
Ihre Nase ist blau-rot und geschwollen, der gebrochene Knochen bildet einen Höcker auf dem Nasenrist, der vorher nicht da war.
Nun ist es wirklich eine Kanaken-Nase, denkt Samira.
Hat man keine Kanaken-Nase und ist ein Kanake wird man eben zurechtgetreten, bis man auch die passende Nase hat. So einfach ist das.
An ihrer linken Seite, knapp unterhalb des Beckenknochens befindet sich ein esstellergrosses, blau-schwarzes Hämatom, das eine leichte Wölbung nach außen bildet.
Samira berührt es vorsichtig, es schmerzt höllisch und fühlt sich weich und nachgiebig unter der Oberfläche an.
„Fertig?“, hört sie die Stimme von Michaela von unten aus dem Gemeinschaftsraum.
Ja, denkt Samira. Fertig. Allerdings.
„Ich geh schon vor und spann die Pferde an!“, ruft Michaela.
Samira holt sich schnell frische Sachen aus ihrem Zimmer, wirft ihre Tasche über die Schulter, die sie nie zurücklässt und hinkt vorsichtig, das linke Bein hinter sich her ziehend, die Treppe herunter. Im Gemeinschaftsraum haben sich mittlerweile ungefähr 35 Kinder und Jugendliche versammelt, unterschiedlichen Alters, Geschlechtes und Nationalität. Sie haben es sich auf den ausgedienten, gespendeten Sofas, Sesseln und Matratzen in dem großen Raum gemütlich gemacht und sehen Fernsehen, oder stehen in der Ecke zu Grüppchen an den drei Flippern, die eine Firma dem Heim gestiftet hat.
„Hey, Samira!“, ruft ein älteres Mädchen, „wo steckst du den ganzen Tag?“
„Unter den Füßen einer reinrassig arisch deutschen Landestochter, Ayscha“, grinst Samira schief und geht langsam zur Tür.
„Ey!“, ruft ein an Lippe und Auge gepierctes Mädchen mit rot-violetten Stoppelhaaren ihr vom Flipper aus zu.
„Sind nicht alle so, Süße.“
„Ich weiß“, lächelt Samira, „war auch nicht allgemeinherrlich gemeint. Du bist sowieso meine Beste!“
Das Mädchen spitzt die Lippen, küsst ihre Hand, pustet Samira einen Kuss zu und ruft:
„Kriegst die Reichsflagge als Himmel über dein Bett, Liebste und am Hakenkreuz kannst du deine kranke Hüfte hochziehen!“
„Du verstehst mich immer, Baby!“, lacht Samira trotz der Schmerzen. Vivian ist ihre beste Freundin.
Michaela wartet schon mit dem Wagen.
Im Krankenhaus wird die Nase geschient.
„Nun ist es wieder eine echte Römernase“, sagt der Chirurg.
Samira hasst ihn.
Sie hat großes Glück gehabt mit der Hüfte. Alles ist noch am Platz, nichts ist aus den Angeln gesprungen, nichts gebrochen.
Sie bekommt Codein-Tabletten gegen die Schmerzen und Heparin-Salbe. Die gebrochene Nase ziert ein breiter Verband.
„Wir können Sie einweisen, für heute Nacht“, sagt die Schwester.
Bittend sieht Samira Michaela an.
„Können wir nach Hause fahren?“
Michaela lächelt.
„Klar, Schätzchen.“
Am nächsten Morgen ist Samira früh auf, lange vor den anderen.
Sie geht in den kleinen Raum mit dem Fenster zum Park, der für Musik reserviert ist, ausgestattet mit einem alten Klavier, einer Gitarre mit abgenutzten Seiten und einem Tambourin, dem längst das Fell gerissen war, und dem es wieder genäht wurde von irgend jemandem.
Kira ist schon da. Sie ist noch keine fünf Jahre alt und liebt Musik über alles.
Sie zappelt mit ihren dünnen Beinen und Armen und wartet.
„Singst du für mich, Samiramis?“
Samira lächelt.
Der Proberaum im Heim bezieht seinen besonderen Reiz durch die helle Flut vom Morgenlicht. Es fällt durch ein einzelnes riesiges Fenster im Souterrain ein und beleuchtet die klare weiße Distanz der Raufasertapeten des Raumes weich und voller Nachsicht, es fällt liebevoll auf die sorgsam gelagerten Instrumente, die alt sind, doch gepflegt, teilweise in alten Büroregalen gelagert.
Samira setzt sich an das Prunkstück des Raumes, einen alten abgenutzten Flügel, der die Szenerie beherrscht wie ein Maestoso sein Orchester.
Sie spielt ein paar Töne und übt Tonleitern.
„Ich kann nicht, Kira.“
Kira zieht an ihren rotblonden Korkenzieher-Zöpfen und kokettiert mit ihren Augen, als wäre sie mindestens vierzig Jahre alt.
„Bitte sing für mich, Samiramis! Ich will mit heute Abend! Ich will mir dir singen!“
Samira kniet sich vor Kira und nimmt ihre Hände:
„Schätzchen, ich kann heute Abend doch gar nicht singen. Guck doch mal, wie ich aussehe. Ich kann nicht mal jetzt singen. Ich kann nur singen, wenn ich mich schön fühle. Und du bist überhaupt noch viel zu klein für so viel zu spät abends!“
Doch Kira gibt nicht klein bei. Sie beherrscht ihre Klaviatur im Moment weit besser als Samira.
„Samiramis, du singst schöner als alle Vögel im Garten und du bist auch viel schöner als sie. Und mit einem Verband auf der Nase finde ich dich immer noch viel schöner als die Michaela, die ist immer zickig und streng und ein bisschen hässlich und außerdem lügt die manchmal auch. Du bist wie das Chamäleon im Zoo. Du lächelst immer und wechselst deine Farben.“
Kira zieht einen Schmollmund und dreht die großen schwarzen Augen ganz nach oben.
„Ja“, sagt Samira und nimmt Kira in die Arme, „da hast du etwas Schlaues gesagt. Ich bin ein Chamäleon, ich wechsele die Farbe und lächele, um allen zu gefallen.“
„Ich habe alles gehört, Kira, du Satansbraten!“, lacht Michaela, die unvermittelt in der Tür steht, wie lange, wissen Samira und Kira nicht, vermutlich lange genug.
„Du darfst mit.“
„Und ich werde auch noch gefragt? Mich schickst du nach Tanja-Land? In Bombengebiet?“,
grinst Samira halbherzig.
„After the show you can not sing wherever you want
But for now lets all pretend that we're gonna get bombed
So sing...”, zitiert Michaela grinsend einen Song der Dresden Dolls. „Um halb acht an der Pforte. Abendgarderobe. Wir sind zu acht!“
Der Nachmittag ist stürmisch, es ist, als stimme selbst die Natur sich auf Krieg ein. Es gibt keine Schatten, die sich auf irgendetwas legen könnten und das gibt Samira Hoffnung für das, was sie tun will.
Um sieben Uhr steht sie vor ihrem Schrank und sieht nichts, was sie tragen könnte für einen Anlass, der sie gleichzeitig köpfen und krönen kann. Sie wählt eine schlichte schmale, schwarze Hose und einen hochgeschlossenen schwarzen Rolli.
Sie findet ein elegantes Bolero-Jäckchen dazu, weiß jedoch nicht, wann sie es je getragen hätte und warum es sich in ihrem Schrank befindet.
Sie sieht im Spiegel ihre dicken verquollenen Augen, die ganze rechte Seite ihrer Wange ist rot geschwollen, ihre bandagierte Nase steht schief, ihr voller Mund wirkt verkniffen.
Es gilt einen Mann zu stehen, es gilt, eine Schlacht zu schlagen, doch der Gegner ist unangreifbar, unsichtbar und nicht vorhersehbar.
Michaela wartet unten mit dem Wagen. Kira ist dabei, komplett in Pink und Barbie gekleidet, mit strahlenden Augen, Vivian, trotzig, schwarz und intensiv und noch sechs von Samiras engeren Freunden aus dem Heim. Ängstlich und zittrig setzt Samira sich, umtost von den stürmischen Begrüßungsrufen der anderen, ins Auto, die Tasche mit den Noten fest im Arm.
Die großen Fenster der Aula in der Schule sind hell erleuchtet, der Parkplatz ist voll. Ältere Leute in Abendgarderobe vermischen sich mit jungen Leuten in Jeans und T-Shirts.
Michaela geht mit den anderen zur Kasse.
Samira sucht ihren Lehrer, Herrn Steiner. Sie entdeckt ihn, als er die Herrentoilette verlässt.
Er sieht sie sich von Kopf bis Fuß an und schüttelt traurig den Kopf.
„Ich habe es schon gehört, Samira. Und du beweist großen Mut! Nun kannst du Nina singen, das weiß ich!“
Als ihr Name aufgerufen wird, geht sie hinaus und denkt an Tanja und das Chamäleon.
Die Bühne ist erleuchtet, die Gesichter verschwommen, konturlose weiße Flecken im Licht. Sieben weiße Flecken sind Michaela und die Freunde. Sie lächeln sie an, sitzen vierte Reihe links hinten. Innerlich zittrig und doch ruhig setzt sie sich an das Klavier, das mittelmäßig gestimmt ist, spielt die ersten charakteristischen Takte des Stückes, als ein erster leiser Applaus hinten links vierte Reihe, kommt. Kira. Sie kann es nicht abwarten.
Ihre Stimme rutscht von allein in die ersten langsamen, eröffnenden Töne,
sie sieht nach ihrem Musiklehrer, der hinter dem Vorhang verborgen ist, ihr verschwörerisch zuzwinkert und still den Takt mit den Händen schlägt.
Ain't got no home, ain't got no shoes
Ain't got no money, ain't got no class
Ain't got no skirts, ain't got no sweater
Ain't got no perfume, ain't got no beer
Ain't got no man...”
Sie atmet aus und sieht in die Reihen vor sich.
Ihre Stimme wird laut, höher und vibriert in ihrem Kopf nach:
“I got life, i've got life's, i've got headaches,
and toothaches and bad times too like you ...”
I got my arms, my hands, my fingers,
my legs, my feet, my toes,
and my liver, got my blood..
I got life, and i'm going to keep it
as long as i want it, I got life.....
Sie schwingt kurz und spielerisch hoch, um tief zu fallen, in ihren Augen
leben die Worte ihr eigenes kurzes Blues-Leben, doch sie singt, was sie
ist, darum lebt die Musik mit ihr für einen kurzen Moment, der alle Augen schließen lässt,
der vibrieren lässt, was sie jetzt ist.
Sie spielt noch ein paar Sätze auf dem Klavier und improvisiert, lässt ihre Stimme
singen, spielen, trauern um das, was sie besingt, von dem sie sich nicht besiegen lassen wird.
Langsam lässt sie die Takte auslaufen, rhythmische Vibrationen, bis zum letzten tiefen Ton. Vorsichtig hebt sie den linken Fuß vom Pedal des Klaviers. Er ist schwer wie Blei.
Es ist sehr still.
Die gut angezogenen Eltern und Lehrer in den ersten Reihen vergessen als erste die Contenance. Der Rest folgt.
Sie bekommt stehende Ovationen und Bravo-Rufe.
Ihre Nase schmerzt vom Singen und die linke Hüfte schickt dumpf pochende Schmerzsignale in ihr Gehirn.
Mühsam steht sie auf und verbeugt sich unbeholfen. Sie fühlt sich, als würden ihr jeden Moment die Beine wegknicken.
Tanja ist nicht gekommen.
Sie sucht nach einem Gespenst.
Wie alle anderen auch.
@ 2009-06-27 – 22:07:21
In Sirenengesängen
chamäleonbunter Stimmen
im Farbrausch
schwirrender Töne
Zauberfingern
die über Trommeln fliegen
durch Membranen gehen
hinter dem Raum
meiner Zeit
streichele ich dich
und fühle
Klangvibrationen
all deiner Sinne
in meinen Fingerspitzen
auf deinen Tasten
ist es zeitferne Wirklichkeit
ein Moment
Musik
endlich
zu sein
"Usé Ma Bi Yo" LITTLE VENUS & Nippy Noya live at Mühle Hunziken, March 2008
@ 2009-06-08 – 13:22:32
...und hier ist übrinx der Song des gestrigen Tages...
(ich habs doch richtig geschrieben, sah so komisch aus....
)
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